Zurück
08.05.2023

DR. WATSON Kolumne

Das Geheimnis des gesunden Frühstücks

Hans-Ulrich Grimm über den optimalen Start am Morgen

Alles kann, nichts muss: Der Frühstückstisch der Möglichkeiten.
Foto: DR. WATSON

Warum gerade die erste Mahlzeit des Tages so wichtig ist, wie wir uns am wohlsten fühlen, und woher ich weiß, was mein Körper wirklich braucht.



Was das Frühstück für meinen Körper bedeutet, wurde mir bei einem Experiment am eigenen Leib klar, im Rahmen von Recherchen für ein Buch über den Zusammenhang zwischen Essen, Denken und Gefühlen.

 

Lehrer hatten mir berichtet, dass bei ihnen die Schüler morgens oft mit dem Kopf auf die Schulbank kippten, weil sie zuhause gar nichts frühstücken, dann später eine Cola kaufen, einen Schokoriegel und Chips. Und ich wollte wissen, wie sich das anfühlt.

 

Also habe ich am Tag des Selbstversuchs nach dem Aufstehen erst mal gar nichts gegessen, bin dann ins Büro gegangen, wollte mich an die Arbeit machen, was sich aber als erstaunlich schwierig erwies, weil an Denken erst mal nicht zu denken war. Ich fühlte mich irgendwie müde, kraftlos, unmotiviert.

 

Nach einiger Zeit so unschlüssig am Schreibtisch gönnte ich mir dann also die Cola, die Chips, den Schokoriegel. Die Reaktion meines Körpers war eindrucksvoll: Der Blutzucker schoss in die Höhe, wie das Messgerät zeigte, das ich mir eigens für den Test besorgt hatte.

 

Es war ein merkwürdiges Gefühl, irgendwie angeregt, fast zittrig, euphorisiert, auch nicht gerade konzentrationsfördernd. Später dann war die Energie wieder weg, ein phlegmatisches, gleichgültiges Befinden stellte sich ein, man könnte auch sagen: schlechte Laune.

 

Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Psyche, das seelische Befinden so ganz direkt abhängig ist von der Nahrungszufuhr, und ein Start nach Art vieler Schulkinder heute solche Folgen hat. Kein Wunder, dass die so mies drauf sind, gleichzeitig frustriert, depressiv und aggressiv.

 

Für mich war der Tag war praktisch gelaufen, ich wusste immerhin, worauf mein Zustand zurückzuführen war, und freute mich schon auf den nächsten Morgen, mit Müsli, Cappuccino, so wie immer.

 

 

Unser Frühstück, unser Schicksal

 

Seither war mir klar: Das Frühstück spielt eine ganz zentrale Rolle im Leben, nicht nur für die geistige Leistungsfähigkeit, sondern überraschenderweise auch für das Wohlbefinden.

 

Und sogar für die Zukunft unserer Gesellschaft: Wenn Kinder schlechtgelaunt, unkonzentriert, unmotiviert in den Tag starten, eröffnet das schlechte Aussichten für ihre weiteren Lebensweg – und damit für das Schicksal ihrer Generation in den nächsten Jahrzehnten.

 

Unser Frühstück, unser Schicksal: Mittlerweile haben auch die Medien das Thema entdeckt.

 

Das Frühstück gilt den meisten Menschen sogar schon als wichtigste Mahlzeit des Tages, nach einer Umfrage der Meinungsforschungsfirma YouGov im Auftrag der Deutschen Presse Agentur (dpa). 

 

Die New York Times, gewissermaßen das Welt-Leitmedium, hat sich gerade mit der Bedeutung des Morgenmahls beschäftigt und  die „Geheimnisse eines gesunden Frühstücks“ gelüftet.

  

Die erste Mahlzeit des Tages ist demnach nicht nur eminent wichtig für Geist und Psyche, die „mentale Gesundheit“, die Schulkarriere bei Kindern, sondern auch für den Körper.

 

Wenn der erst mal gar nichts bekommt, steigt das Risiko für diverse Krankheiten, bis hin zu manchen Krebsarten, wie jüngst chinesische Mediziner herausgefunden haben. Deutsche Forscher wiesen schon auf steigende Diabetesraten bei Frühstücksverweigerern hin. Wer morgens nichts isst, wird eher dick, sogar herzkrank, kommt vielleicht früher ins Grab.

 

Trübe Aussichten.

 

Okay, manches mag übertrieben sein, schließlich genossen einige der frühstücksforschenden Professor*innen, etwa von der „Internationalen Frühstücksforschungsinitiative“ (International Breakfast Research Initiative) freundliche Unterstützung aus dem Hause Nestlé, andere durch Kellogg’s.

 

Wobei deren zuckrige und zusatzstofflastige Produkte natürlich eher nicht so optimal sind, gerade am frühen Morgen. Gerade da kommt es ja auf den Nährwert an.

 

Worauf es ankommt 

 

Denn biologisch ist der Fall klar: Über Nacht hat der Körper geruht, seine Speicher haben sich geleert und müssen wieder aufgefüllt werden. Wenn da nichts kommt, drohen materielle Defizite. Auch wenn minderwertige oder schlechte Qualität kommt, schadet das dem Körper substanziell, und der Mensch leidet. Geistig, seelisch, körperlich.

 

Genau das hatte ich ja bei meinem Selbstversuch mit Cola, Chips und Schokoriegel am eigenen Leibe erfahren.

 

Aber was braucht er denn, mein Körper?

 

„Streben Sie eine Mischung aus Eiweiß, Fetten und Kohlenhydraten an“, rät die New York Times. Was natürlich etwas ungenau ist. Auch Ballaststoffe wären nicht schlecht. Vielleicht auch Vitamine, Mineralstoffe, Eisen, Kalium, Magnesium und manches mehr.

 

Allgemeine Soll-Vorgaben sind unmöglich und unseriös, das haben mittlerweile sogar die Ernährungskundler eingesehen.  

 

Der individuelle Bedarf hängt schließlich sehr von der eigenen Konstitution ab, von den genetischen Voraussetzungen, der körperlichen und geistigen Aktivität, weiters von der Jahreszeit, von Klima, Wetter, Wohnort.

 

Wie viel exakt es von welchen Substanzen sein soll, ist schwer auszuzählen. Schließlich kann niemand in meinen Körper hineinschauen. Immerhin: Er signalisiert, ob ich seine Bedürfnisse getroffen habe, mit einer deutlich wahrnehmbaren Gefühlsbotschaft: Wohlbefinden - oder aber: Verstimmung. Nach Jahrmillionen der Evolution hat der Organismus gelernt, wie er es sich verschaffen kann, was er braucht. Und schlechte Versorgung bestraft er sofort – mit schlechten Gefühlen, am frühen Morgen.

 

So erlebte das ich bei meinem Selbstversuch, und ganz ähnlich auch die kalifornische Ernährungsberaterin Amanda Sauceda, die im Frühstücksreport der New York Times sagte: „Ich mag kein Frühstück, aber ich hasse es, wie sich mein Körper anfühlt, wenn ich es nicht esse“.

 

Sie plädiert übrigens für eine Liberalisierung der morgendlichen Möglichkeiten, isst einfach das, was vom Vorabend noch übrig ist. Das entspreche eben ihren Bedürfnissen, auch wenn es nicht unbedingt das ist, was die Leute üblicherweise morgens als Frühstück zu sich zu nehmen.

 

Es muss ja nicht immer Nutellabrot sein. Es war ja auch nicht immer Nutellabrot. Frühstücksgewohnheiten können sich schließlich auch ändern.

 

Bier und Wein zum Frühstück

 

Im Europäischen Mittelalter, zum Beispiel, musste die Morgenmahlzeit vor allem Kraft liefern für einen anstrengenden Tag auf dem Feld. Da gab es einen stärkenden Brei, aus Hafer, Buchweizen, Roggen, vielleicht eine Suppe, dazu Bier oder Wein, aus Gesundheitsgründen, weil es ja die sicherste Form der Flüssigkeitsaufnahme war, bei den hygienischen Verhältnissen damals.

 

Der Kaffee kam erst später dazu, dank venezianischer Kaufleute, die ihn aus dem Orient importierten. Sie verschafften damit der heutigen Cappuccino-Nation einen kulturellen und technologischen Vorsprung und wirkten stilbildend im aufkommenden Kapitalismus. Jetzt wurde  Nüchternheit das Gebot der Stunde, nicht nur in den Kaffeehäusern, für die Intellektuellen, Geschäftsleute, Geldleute, auch für die Proletarier, die an Maschinen, Webstühlen, Spinnanlagen monotone, aber konzentrierte Arbeiten verrichten mussten.

 

Und schließlich wurde das Frühstück selbst zum Objekt der Industrialisierung, dank zweier Brüder in Amerika, der eine Arzt und Gesundheitsapostel, der andere Geschäftsmann und Marketinggenie. Ihr Name: Kellogg. Ihre Zufallserfindung namens „Cornflakes“ wurde zum Welterfolg, wenngleich sie zum Zerwürfnis zwischen den beiden ungleichen Geschwistern führte, das mit dem Zusatz von Zucker in ihrem Erfolgsprodukt begann.

 

Die Frühstücks-Katastrophe

 

Später kamen industrielle Vitamine dazu, Aromen und diverse chemische Zusatzstoffe, wodurch sich diese sogenannten Frühstückszerealien das Prädikat „ernährungsphysiologische Katastrophe“ verdienten, so das Urteil des französischen Ernährungsforschers Anthony Fardet.

 

Und die Cornflakes blieben ja nicht allein. Das „Müsli“ aus dem Pappkarton, schon bei den Brüder Kellogg im Sortiment, ist auch nicht viel besser. Die Milch, die darüber gekippt wird, ist in der Regel H-Milch, von Kritikern als „Totmilch“ gebrandmarkt. Und wenn für Kinder die Fruchtzwerge dazukommen, oder ein sogenannter Fruchtjoghurt, und Süßstoff in der Light-Version oder im Kaffee, dann steigt die morgendliche Künstlichkeits-Quote, und der Chemie-Spiegel im Körper.  Und damit die Krankheitsgefahr.

 

„Fast 100 Prozent der Frühstücksprodukte sind ultra-verarbeitet“, sagt der Franzose Fardet.

 

Ultra-verarbeitete Nahrung, die höchste Stufe der industriellen Transformation, nachweislich ein veritabler Krankheitsförderer, und das schon am frühen Morgen.

  

Doch das muss natürlich nicht sein. Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch, sagte der Dichter Friedrich Hölderlin.

 

Mittlerweile braucht kein Mensch mehr solche industriellen Frühstückslösungen aus vergangenen Jahrhunderten. Wir haben ja heute ganz andere Optionen, dank Globalisierung, dank Reiseerfahrungen, auch moderner Medien.

 

Wir kennen ja jetzt auch das echte Müsli, dessen Namen die Konzerne geklaut haben, das klassische aus der Schweiz, spätestens von den Frühstücksbüffets in gesundheits-affinen Hotels: Das Bircher-Müsli, auf der Basis von ultragesunden Haferflocken, wie im britischen Porridge oder dem amerikanischen Oatmeal, eingerührt in den Joghurt, heute natürlich mit Sahne statt der Kondensmilch von einst, mit geriebenen Äpfeln und den Früchten der Saison.

 

Auch das war für mich übrigens eine neue Erfahrung. Obst kannten wir zum Frühstück ja nur in Form von Marmelade.

 

Erst im Urlaub in Brasilien fiel mir auf, dass es morgens auch frisches Obst geben kann, Mangos, Ananas, Papaya, zuhause auch Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren.

 

Oder das berühmte Full English Breakfast, das ich nach dem Abitur an Originalschauplätzen kennenlernen durfte, der ganze Stolz unserer Bed-and-Breakfast-Wirtinnen in England und Irland, bei denen die morgendliche Tafel sich gebogen hat unter Bacon, Ham, Eiern, Würstchen. Lange übrigens war all das ja der Schrecken von Ernährungsberaterinnen (Cholesterin!), auch der Verächter alles Tierischen, heute weithin rehabilitiert, sogar vom sozialdemokratischen Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Auch wenn es eingestandenermaßen ziemlich üppig ist.

 

Es geht natürlich auch leichter: In Asien habe ich gelernt, dass morgens sogar Suppe möglich ist, die Miso-Suppe, oder auch die Hühnersuppe, jenes gesundheitliche Welt-Elixier, das vor Erkältung und allem Möglichen bis hin zu Corona bewahren soll. Auch Nudeln, Gemüse gibt es dort morgens, und vor allem: den warmen, weißen Reisbrei, mit dem 1,4 Milliarden Chinesen in den Tag starten, der offenbar genug Energie liefert, um ein Riesenreich in wenigen Jahrzehnten von null auf an die Weltspitze zu bringen, für Ausländer Congee genannt. Dem vermeintlich langweiligen, vermutlich sehr magenfreundlichen morgendlichen Starter hat sogar die New York Times eine hymnische Würdigung gewidmet.

 

Kein Mensch übrigens isst dort im Fernen Osten zum Frühstück Brot. Ich hab’s, in den Hotels, trotzdem getan, aus alteuropäischer Tradition, und auch einen Cappuccino genommen, der übrigens, wie der britische Epidemiologe und Autor Tim Spector im  Guardian festhält, auch gesundheitsmäßig seinen Platz hat, dank enthaltener Polyphenole und Ballaststoffe, und also nicht nur munter macht, sondern sogar physiologisch Sinn, auch im erweiterten und modernisierten globalen Frühstück.

 

Macht natürlich auch Arbeit, es braucht Zeit, mögen jetzt Anhängende des morgendlichen Nutellabrotes einwenden.

 

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg 

 

Schließlich muss es morgens oft schnell gehen, vor der Arbeit oder der Schule.

 

Vieles lässt sich ja auch easy vorbereiten. Obst ist sowieso im Haus, muss nur geschnitten und präsentiert werden. Oft ist Reis übrig, der lässt sich in Nullkommanix zu Congee verwandeln, einfach mit Wasser zu Brei verkochen. Hühnersuppe lässt sich für eine Woche vorkochen. Fürs Müsli ist es ohnehin besser, wenn die Haferflocken ein bisschen vorgequollen sind (wie übrigens auch bei den hippen Overnight Oats). Nudeln oder Gemüse sind oft auch noch im Kühlschrank. Oder gekochte Kartoffeln, aus denen im Handumdrehen tolle Hashbrowns werden, die anglophone Variante der Rösti.

 

Und ganz schnell geht es natürlich, wenn einfach die Reste vom Vorabend auf den Frühstückstisch kommen.

 

Wo ein Wille ist, ist bekanntlich auch ein Weg. Und der führt hier nachweislich zu mehr Glück und Gesundheit.